Rhöner Sagen

Die Rhön ist nicht nur eine malerische Naturlandschaft, sondern auch eine sagenumwobene Region. Viele Sagen handeln von Hexen und Riesen, Spukgestalten und Teufeln, aber auch von tapferen Rittern. Motive der Schuld, Strafe und Sühne, aber auch des Zufalls, Glücks und der Gnade sind darin zu finden. Die Sagen der Rhön bilden einen Schatz, der seine Besucher in den Bann zieht. Am Tage besticht die Rhön durch spektakuläre Naturschönheit, in den dunklen Nächten werden die Besucher durch Rhöner Sagen zu wohligem Gruseln eingeladen.

 

Die Sage des Riesen Mils

Als die ersten christlichen Glaubensboten ins Buchenland kamen, lebte in der Rhön ein Riese namens Mils, dessen Felsenburg auf einem mächtigen Berge stand. Der Riese Mils behinderte die Gottesmänner bei ihren Predikten und quälte und bedrückte die Neugetauften, wo er nur konnte.

 

Da machte sich der heilige Gangolf mit einigen Rittern auf, um den Riesen in seiner Burg zu bezwingen. Den Belagerern stand aber nur eine einzige Wasserquelle zur Verfügung, die einem geizigen Bauern gehörte. Der Besitzer wollte nun die Not der Kämpfer dazu benutzen, um sich zu bereichern und verlangte für das Wasser seines Brunnens einen so hohen Preis, dass die Kämpfer die Geldsumme nicht aufbringen konnten. Nur ein einziges Mal noch durften die Ritter an der Quelle des Bauern trinken. Gangolf füllte also zum letzten Mal seinen Helm mit Wasser, kehrte damit ins Lager zurück und schüttete das kostbare Nass auf den Boden. Da entsprang zum Erstaunen der Ritter an dieser Stelle eine Quelle, die heute noch besteht und Gangolfsbrunnen heißt. Der Brunnen des Bauern versiegte aber in diesem Augenblick.

 

Mit neuem Mut begann nun der Sturm auf die Burg des Riesen Mils. Dieser sah bald, dass er verloren war und dass keine Rettung für ihn mehr möglich war. So gab er sich in der Verzweiflung selbst den Tod. Da türmte der Teufel über dem Leichnam mit den Steinen der Burg ein Riesengrab auf – und deshalb sieht dieser Berg, der bald Milseburg genannt wurde, aus der Ferne wie ein Sarg aus. Das Kreuz konnte nun auch in diesem Teil des Buchenlandes siegen. Und Gangolf erbaute auf der Milseburg zum Dank eine kleine Kapelle.

Die Sage zum Hexentanz auf den Danzwiesen

Die Wiesenflächen unterhalb der Milseburg heißen Danzwiesen. In grauer Vorzeit waren sie ein berüchtigter Tanzplatz für Hexen und Geister, die hier gerne ihr Unwesen trieben. Denn die Milseburg, die Burg des Teufelsdieners Mils, lag ganz in der Nähe, und auch der Teufelstein und die vom Teufel erbaute Steinwand waren nicht weit entfernt. Kein Mensch und kein Tier trauten sich nachts in die Nähe der Danzwiesen; denn in der Geisterstunde nach Mitternacht zogen die Hexen alles, was sich dort bewegte, in ihren Bann.

 

Eines Abends wollten die Musikanten von Kleinsassen auf dem Heimweg ihren Weg abkürzen und gingen über die Danzwiesen; denn sie waren sicher, noch vor Mitternacht ihr Dorf erreichen zu können. Doch der Teufel ließ eine bleierne Müdigkeit über sie kommen; sie setzen sich am Ringwall der Milseburg nieder und schliefen ein.

 

Wie freuten sich da die Hexen, dass sie nun eine Musikkapelle für ihre Hexentänze hatten, und sie wollten sie von nun an für immer in ihrer Gewalt behalten. Unter fürchterlichem Gelächter weckten sie die erschreckten Musikanten und zwangen sie, zum Tanze aufzuspielen. Denen standen die Haare zu Berge, und kalter Schweiß lief ihnen über die Stirne. In ihrer Verzweiflung beschlossen sie, fromme Lieder und Kirchenweisen zu spielen; aber so sehr sie sich auch mühten, aus ihren Instrumenten kam immer nur Teufels- und Hexenmusik heraus.

 

Mitten im schlimmsten Tanzwirbel schlug es vom Kirchturm in Kleinsassen ein Uhr. Urplötzlich war der Spuk verschwunden, und aus den Instrumenten erklangen jetzt fromme Lieder. Nun rannten die Musikanten aber los, so schnell sie konnten, und waren erst wieder beruhigt, als sie atemlos ihr rettendes Dorf erreicht hatten.

 

Es war ihr Glück, dass sie auf den Danzwiesen Kirchenweisen gespielt hatten, denn dadurch war schließlich der Hexenbann von ihnen genommen worden. Sonst hätten sie bis in alle Ewigkeit den Hexen aufspielen müssen.

 

Diese und weitere Rhöner Sagen finden Sie im Sammelband „Hexentanz auf den Danzwiesen. Rhöner Sagen aus Hessen, Thüringen und Bayern“ von Gottfried Rehm (1997), erschienen im Rhön Verlag.